Archive for März 2010|Monthly archive page

Welt des Sports I

Michael Skibbe ist der erfolgreichste Fußballtrainer der Welt. Durch den großartigen 2:1-Erfolg über Bayern München ist Eintracht Frankfurt nun seit dem 27. Spieltag ungeschlagen, Eintracht Frankfurt holte in einem Spiel drei Punkte. Rechnet man diese Bilanz auf eine Saison hoch, kommt man auf 102 Punkte. Das hätte im Vorjahr (und in allen anderen Jahren seit Einführung der drei-Punkte-Regel) zur Meisterschaft gereicht! 3,00 Punkte pro Spiel – so erfolgreich war in der gesamten Geschichte des Fußballsports noch kein Trainer.

Natürlich ist diese „Berechnung“ unsinnig. Die BILD-Zeitung stellte vorgestern aber eine ganz ähnliche Berechnung an und behauptete unter der fantastischen Überschrift „Statistik beweist“, Christian Gross wäre der erfolgreichste Stuttgarter Trainer aller Zeiten:

In zwölf Spielen holte er 26 Punkte, also im Schnitt 2,17 Zähler pro Partie. Rechnet man diese Bilanz auf eine Saison hoch, kommt man auf 73 Punkte. Das hätte im Vorjahr zur Meisterschaft gereicht… 2,17 Punkte pro Spiel – so erfolgreich war in der 47-jährigen Bundesliga-Gesichte (sic!) des VfB keiner seiner Vorgänger.

Laut BILD ist Gross damit erfolgreicher als seine Vorgänger Matthias Sammer, der 1,71 Punkte pro Spiel holte, Felix Magath (1,67), Markus Babbel (1,66) und Armin Veh (1,63), der Stuttgart zu seiner bisher letzten Meisterschaft führte.

Nun kann man Fußball als ein Glücksspiel wie Würfeln betrachten, dessen drei mögliche Ergebnisse Sieg, Unentschieden und Niederlage allein vom Zufall abhängen (und Untersuchungen legen nahe, dass genau das der Fall ist).
Um Aussagen über mögliche Gesetzmäßigkeiten der Ergebnisse zu machen, sind dann vor allem hinreichend häufige Wiederholungen notwendig. Christian Gross ist jedoch erst seit zwölf Spielen Trainer des VfB Stuttgart und hat in dieser Zeit acht Spiele gewonnen. Analog zum Würfeln bedeutet dies, Gross hat in zwölf Würfen achtmal die Augenzahl 5 oder 6 geworfen, was allenfalls eine kleine Glückssträhne sein mag, aber sicher noch keine Sensation ist.  Kurz gesagt: zwölfmal würfeln liefert uns noch kein allzu genaues Bild von der Verteilung der Wahrscheinlichkeiten. Anders liegt der Fall bei Gross´ Vorgängern:

  • Matthias Sammer war 34 Spiele Trainer des VfB Stuttgart und erlangte dabei 17 Siege
  • Markus Babbel, 35 Spiele, 16 Siege
  • Armin Veh, 96 Spiele, 46 Siege
  • Felix Magath, 113 Spiele, 52 Siege

Sammer und Babbel haben fast dreimal mehr Spiele auf der Trainerbank des VfB verbracht als Gross, Veh achtmal mehr und Magath sogar gut neunmal mehr. Bei allen zeigt sich, dass die Anzahl der Siege in Relation zur Gesamtzahl der Spiele ungefähr 0,5 beträgt. Gross´ Reaktion auf den „Beweis“ der BILD lautet daher völlig zu Recht:

Oh, Gott, ich bin doch gerade erst hier angekommen.

Vergleicht man übrigens Gross´ Bilanz mit den Ergebnissen anderer Trainer über den gleichen Zeitraum, war Armin Veh erfolgreicher als Gross. Er erreichte 2007 saisonübergreifend in zwölf Spielen 27 Punkte.
Jogi Löw holte in der Saison 1996/1997 in den ersten zwölf Spielen ebenfalls 27 Punkte.

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Apokalyptische Kriminalität

Gestern erschien eine Pressemitteilung des Bundesinnenministeriums zum Thema „politisch motivierte Kriminalität (PMK) im Jahr 2009“. BILD berichtet in ihrer Online-Ausgabe darüber mit der Überschrift „linker Terror wird immer schlimmer“. Positiv daran ist, dass BILD es – zum Erstaunen sicherlich mancher – schafft, die Zahlen der Pressemitteilung weitgehend korrekt wiederzugeben. Dies liest sich so:

Im Jahr 2009 gab es demnach 33 917 politisch motivierte Straftaten – eine Steigerung um 6,7 Prozent! Einen rasanten Anstieg der Gewalt gibt es bei linksextremistischen Straftaten : Diese sind um 39,4 % auf 9375 Delikte gestiegen. Die Gewalttaten (zum Beispiel Körperverletzung) der Linksextremen stiegen sogar um 53,4 % auf 1822. Allerdings: Die Zahl von rechtsradikal motivierten Taten ist weiterhin fast gut doppelt so häufig. Sie fiel allerdings im Jahr 2009 um 4,7 % auf 19 468. […] Die Ausländerkriminalität ist zurückgegangen, fiel Im Vergleich zum letzten Jahr um 34,9 %.

Offensichtlich falsch daran ist nur der letzte Satz, denn nicht die Ausländerkriminalität – also alle von Ausländern begangene Straftaten – sondern die politisch motivierte Ausländerkriminalität ging um 34,9% zurück.

Das Bundesministerium des Innern unterscheidet ferner – anders als BILD – zwischen „politisch motivierter Kriminalität links“ und „linksextremistischer Kriminalität“, also Straftaten, die sich gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung richten. Letztere ist nicht, wie BILD schreibt, um 39,4% sondern sogar um 49% auf 4654 (statt 9375) gestiegen. Doch dies waren die einzigen Fehler und sie nehmen sich für BILD-Kenner vergleichsweise moderat aus.

Interessant ist jedoch auch, was BILD nicht schreibt. So lautet der erste Satz der Pressemitteilung des BMI:

Für das Jahr 2009 wurden in Deutschland insgesamt 33.917 politisch motivierte Straftaten gemeldet.

Zum Vergleich, 2008 wurden in Deutschland 37184 Autos und 358049 Fahrräder gestohlen. Weiter heißt es:

bezogen auf die politisch motivierten Gewalttaten ist mit insgesamt 3.044 Delikten im Vergleich zum Vorjahr (2.529) ein Anstieg um rd. 20,4 % zu verzeichnen.

2008 gab es in Deutschland insgesamt 578176 Fälle von Gewaltkriminalität, darunter 2266 Fälle von Mord und Totschlag, 7292 Fälle von sexueller Nötigung und Vergewaltigung und 151208 Fälle von gefährlicher und/oder schwerer Körperverletzung. Wären die Zahlen von 2009, 2781 dieser Fälle wären dem linken und rechten Spektrum zuzuordnen, insgesamt 0,48%. Davon entfielen 1822 Fälle (0,32%) auf den linken und 959 Fälle (0,17%) auf den rechten „Phänomenbereich“.

Von den insgesamt 2781 politisch motivierten Gewaltdelikten von links und rechts (Ausländer- und sonstige politische Gewalt sei vernachlässigt), handelt es sich bei 1649 Fällen um Körperverletzung. Diese teilen sich auf in 800 Fälle Körperverletzung rechts und 849 Fälle Körperverletzung links. Dazu erneut das BMI:

Während im Bereich der PMK-rechts die Körperverletzungsdelikte eindeutig den Schwerpunkt der Gewalttaten bildeten, fielen im Bereich der PMK-links noch Landfriedensbruch mit einem Anteil von 18,9%, Brandstiftungen mit einem Anteil von rd. 15,7% sowie Widerstandsdelikte mit einem Anteil von rd. 14,2% auf.

2008 gab es in Deutschland 518499 Fälle von Körperverletzung. 2009 gab es 849 Fälle von Körperverletzung, die politisch links motiviert war.

In der Wikipedia steht unter „Terror“:

Der Terror (lateinisch terror, von terror, terroris, „Schrecken“) ist die systematische und oftmals willkürlich erscheinende Verbreitung von Angst und Schrecken durch ausgeübte oder angedrohte Gewalt, um Menschen gefügig zu machen.

In BILD steht: „linker Terror wird immer schlimmer“.

Leseempfehlung I

Dieser Artikel wurde leider schon von jemand anderem geschrieben, obwohl er auch gut hier rein gepassst hätte:

„Bild“ glaubt, dass mehrere US-Schauspielerinnen nach dem Gewinn eines „Oscars“ von einem „Liebes-Fluch“ getroffen wurden. „Schonzeit“ sucht und findet Fakten dazu. „Man könnte von einer ganz normalen Quote sprechen, aber das wäre ja zu einfach.“

Lufthansa

Das erste Beispiel, wie man mit geschickter Darstellung einen Sachverhalt dramatisieren kann, ist relativ aktuell.

Am 17. Februar 2010 schrieb der Spiegel im Rahmen des geplanten abgesagten Pilotenstreiks bei der Lufthansa:

Damals wollte der gelernte Ingenieur genau verstehen, wie knapp in der Luftfahrtbranche kalkuliert wird. Also bat er einen Controller auszurechnen, welche schlimmen Dinge passieren müssten, damit das Konzernergebnis um eine Milliarde Euro abnimmt. „Gar nicht viel“, antwortete der. Es reiche schon, wenn im Schnitt pro Flug vier Passagiere weniger an Bord wären.

Der „gelernte Ingenieur“ ist Lufthansavorstand Wolfgang Mayrhuber, und wie knapp in der Luftfahrtbranche wirklich kalkuliert wird, wollen wir uns mit Hilfe eines Spiegel-Artikels ansehen, der zwei Tage später erschien und folgendes berichtete:

Im Schnitt absolviert die Lufthansa inklusive ihrer Regionalflieger rund 1800 Flüge am Tag. […] Im Schnitt zählt die Lufthansa jeden Tag rund 150.000 Fluggäste.

Wären nun pro Flug vier Passagiere weniger an Bord, hätte die Lufthansa 1800 * 4 = 7200 weniger Passagiere am Tag. Hochgerechnet auf ein Jahr bedeutet dies 7200 * 365 = 2628000. Lufthansa befördert derzeit knapp 55 Millionen Passagiere pro Jahr. Ein Rückgang von mehr als 2,5 Millionen bedeutet also fast 5% weniger Passagiere im Jahr. Dies mag ebenfalls nicht viel sein, um das „Konzernergebnis“ um eine Milliarde Euro zu schrumpfen, aber es klingt schon nach wesentlich mehr, als uns das Bild von vier Leuten in einem riesigen Flugzeug glauben machen will.